«Suhr ist überall», Benedikt Loderer

Wie macht man aus der Agglomeration Stadt? Das Buch ‹Zusammen Sein. Pilot- und Forschungsprojekt für Suhr› beschreibt eine Operation am lebenden Objekt. Benedikt Loderer bespricht im Hochparterre den Schlussbericht von Oliver Streiff, Patrick Thurston, Christoph Schläppi und Joel Rubinig.
Text: Benedikt Loderer, Stadtwanderer (Hochparterre)
publiziert: 14.10.2026


Dieser Text von Benedikt Loderer wurde mit freundlicher Genehmigung aus dem Magazin Hochparterre übernommen.

Das Büro der inneren Unruhe kann nicht schlafen. Nachts plagt ein Alptraum die Unruhigen. Sie träumen von der Entwicklung der letzten hundert Jahre und erwachen schweissgebadet. Schlimmer noch, es ist kein Traum, sondern die Wirklichkeit! Sie hat einen Namen: Agglomeration. Wie macht man daraus Stadt? In Suhr südlich von Aarau, 12 000 Einwohner, fanden sie die Probe aufs Exempel.

Suhr einst ein Dorf, heute ein Stück der allgemeinen Zersiedelung im Schweizerischen Mittelland, ist ein Ort zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Dieses Suhr, wo Möbel Pfister zuhause ist, haben die Unruhigen zum exemplarischen Übungsfeld gemacht. Sie, das sind Oliver Streiff, Patrick Thurston, Christoph Schläppi und Joel Rubinig, gingen hin und schauten sich Suhr genau an. Doch sie konstatieren nicht nur, sie imaginieren auch und behaupten kühn: Suhr ist eine Stadt, genauer muss zu einer werden. Doch wie soll das gehen? Durch Improvisation, genauer Modellbau. Mache keine Tabellen, zeichne keine Kurven, rechne keinen Durchschnitt aus, nein, frage dich, was die Stadt ausmacht. Also bauten sie zuerst «das Instrumentarium einer Stadt» im Massstab 1:50. Lehrstück nannten sie ihre Selbstversuche, die da sind: Starker Platz, enge Gasse, bergender Innenhof, verwunschener Garten, schützende Arkaden, überdeckte Halle, durchmischtes Konglomerat, und dynamische Zeile – der Baukasten der Stadtbaukunst von Sitte aufwärts über Henrici bis Bernoulli.

Darauf bauten sie ein Suhr im Massstab 1: 500, immerhin 3.95 x 4.36 Meter gross. Städtebau ist dreidimensional und die Modelle reden eine allgemeinverständliche Sprache. Es sind Überzeugungstäter am Werk. Damit man besser drauskommt, sind die bestehenden Bauten weiss, die neuen braun wie Holzklötzli eben sind. Doch ist das Modell nicht nur Dokumentation, Darstellung eines Endzustands, sondern ein Entwurfsinstrument der fortlaufenden Überprüfung während seinem Bau. Modellbau wird Städtebau, der Entwurf wächst mit dem Machen. Pläne, selbstverständlich gibt’s auch, namentlich Schwarzpläne, die den Unterschied zwischen 2022 und 2122 vor Augen führen. 

Doch damit greifen die Unruhigen im Buch weit vor, denn noch liegt ein Jahrhundert Arbeit vor ihnen. Sie beginnen bei ihren Lieblingsorten und schauen Suhr mit architektisch-zärtlichen Augen an und finden seine spröde Schönheit. Sie merken aber gleichzeitig, wie gefährdet sie ist. Der Abbruchhammer hat kein Feingefühl. Etwas aber müssen die Unruhigen heute schon tun, also beginnen sie im Zentrum und veranstalten den Gründungsakt der Stadt: Sie bauen auf dem künftigen starken Platz einen Brunnen. Wasser ist ohnehin ihr erstes Baumaterial, sie lenken einen neuen Bach durch die Stadt und schaffen ein Wasserheiligtum.

Soll Suhr zur Stadt werden, heisst das Verdichtung. Doch nicht in der plattfüssigen, freisinnigen Art, die überall zwei Geschosse draufbeigen will, nein, eine Stadt besteht aus sehr verschiedenen Quartieren, die Unruhigen reden von 15 Habitaten. Jedes ist anders, jedes braucht darum eine eigene Strategie. Die Bearbeitungsschritte allerdings sind für alle gleich. Drei Beispiele: Ein Hüsliquartier, ein freies Feld und ein Stück Industrie. Die Hüsli stehen heute mitten auf ihrer Parzelle und bewachen den Grenzabstand. Künftig wird aufgefüllt, zwischen den Hüsli neu gebaut, sechs freistehende Hüslireihen wachsen zu drei Doppelzeilen zusammen. Man muss dort verdichten, wo es dünn ist. Noch spürt man den einstigen Bauernhof, er hinterliess ein freies Feld. Das soll erhalten bleiben, nicht verhüselt werden. Darum sind die Neubauten als geschlossene Grossform an den Rand des Grundstücks gerückt, innen bleibt eine grosse Matte frei. Beim Bahnhof am Rand der Geleise stehen heute Kleinbauten und Einfamilienhäuser im Bahnlärm. Diese werden abgerissen und durch Gewerbe- und Industriebauten ersetzt. Die Unruhigen sind durchaus abbruchfreudig.

Es folgen die Zukunftsbilder, gezeichnet von Andreas Gefe, auch sie nach dem bewährten Muster des Vorher-Nachher. In hundert Jahren ist das Leben in Suhr voller Boule-Spiel der Erwachsenen und Fussball der Schuljugend. 

Über den Verkehr haben sich die Unruhigen selbstverständlich auch Gedanken gemacht. Sie stellen nüchtern fest, dass für die heute 5287 Autos in Suhr 15 Fussballfelder Parkfläche nötig sind. In hundert Jahren, wenn sich Mobility durchgesetzt haben wird, braucht’s nur 279 Wagen und nur ein Fussballfeld Parkplatz. Dass die offiziellen Pläne einer Entastungsstrasse verkehrt sind, versteht sich von selbst. Die Unruhigen machen einen weit besseren Vorschlag. 

Schon gut, sagt da der Stadtwanderer, wie aber setzt man die leuchtende Zukunft durch? Mit Allianzen, sagen die Unruhigen. Jedes Grundstück ist an ein anderes, das nicht angrenzt, gekoppelt, eines im Zentrum und eines am Rand zum Beispiel. Ich muss zugeben, eingeleuchtet hat mir das nicht. Überhaupt, wenn’s ums Bodenrecht, also ums Geld geht, wird die Argumentation dünn. Doch «geht es nicht darum, die Wahrheit vorzusingen, sondern eine Sehnsucht zu wecken», steht auf Seite 144. Sehnsucht nach Stadt? In Suhr? Es ist die, nach einem gemeinsamen Leben? Der Titel «Zusammen Sein» ist Programm. 

«Statt einer dahindümpelden Agglomerationsgemeinde würde Suhr zu einer starken, fussläufigen Kleinstadt, deren Ausdehnung auf die Hälfte der heute bebauten Fläche konzentriert wird und diese von einem vielfältigen Grüngürtel umgeben ist.» Auf Erden muss es mehr geben, als die Agglomeration. Die haben wir unterdessen, doch müssen wir sie zur Stadt umbauen. Das ist unsere Aufgabe im 21. Jahrhundert. 

Benedikt Loderer, Stadtwanderer

Zusammen Sein. Pilot- und Forschungsprojekt für Suhr. Forum für Raumordnung Schweiz, o.O. 2026. 

Den Bericht für 50 Franken bestellen.

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